Blaupausen (2)

Wie neulich versprochen, beschreibe ich nun einmal Schritt für Schritt mein Vorgehen beim Erstellen einer Cyanotypie. Die Bilder sind zwar bezüglich der Arbeitsabfolge chronologisch, ich habe sie allerdings während unterschiedlicher Produktionen geknipst. Die grundlegende Rezeptur habe ich beim bereits mehrfach erwähnten Wolfgang Autenrieth gefunden.

An Chemikalien werden benötigt: Kaliumhexacyanoferrat (III) vulgo Rotes Blutlaugensalz sowie Ammoniumeisen(III)-Citrat.

In jeweils 100ml (destilliertem) Wasser löst man 8g des Blutlaugensalzes bzw. 20g des Citrats auf und hält diese Lösungen zunächst getrennt.

Kühl und dunkel lassen sich die beiden Lösungen wochenlang lagern.

Die Arbeitslösung, mit der das Papier sensibilisiert wird, erzeugt man, indem die beiden Flüssigkeiten zu gleichen Teilen gemischt werden – ich verwende dafür jeweils eine Einwegspritze und mische typischerweise 2x 5ml, das reicht je nach Bildformat für rund ein Dutzend Bilder. Die so entstandene hellgrüne Flüssigkeit trage ich bei gedämpftem Licht dünn mit einem Pinsel auf Büttenpapier auf – ungefähr in der Größe des Negativs, das ich „abziehen“ möchte.

(Ein Wort zum Negativ: Ich verwende SW-Filme aus Mittel- und Großformatkameras. Besonders gut werden die Ergebnisse, wenn die Negative einigermaßen kontrastreich sind, aber zwischen Schwarz und Transparent auch noch einige Zwischentöne zeigen. Wenn man andere Größen braucht oder der Ausgangspunkt ein Digitalfoto ist, kann man sein Negativ auch auf Transparentfolie ausdrucken.)

Das lichtempfindlich beschichtete Papier lasse ich ein paar Stunden in der Dunkelheit einer Schublade trocknen.

Zum Belichten lege ich jeweils ein Negativ mit der Schichtseite nach unten auf ein Blatt sensibilisierten Papiers. Wenn die Sonne scheint, wird im Garten belichtet. Dazu werden die Bilder unter eine Glasscheibe gepresst, damit sie möglichst plan liegen – sonst wird es unscharf.

Die Schlechtwetteralternative ist ein UV-Belichter, der sich einfachstenfalls aus Flachbettscanner und Gesichtsbräuner basteln lässt. – In jedem Fall ist die Belichtungszeit auszutesten, es können ein paar Minuten oder auch eine halbe Stunde sein.

Die Beschichtung des Papiers verfärbt sich während der Belichtung – wenn das Negativ kleiner ist als die aufgetragene Schicht, lässt sich das gut beobachten – erst ins Dunkelgrüne, dann Richtung Blau/Braun, und dann ist es Zeit, das Papier aus der Sonne zu holen …

… und zu wässern. Die meisten Quellen empfehlen fließendes Wasser, ich habe allerdings auch gute Erfahrungen damit gemacht, die Bilder mit etwas Bewegung in einer großen Entwicklerschale baden zu lassen, bis alle Spuren von Grün aus dem Papier ausgewaschen sind und das Bild nur noch Blautöne umfasst.

Anschließend werden die Bilder getrocknet und ggfs. noch gepresst. Einem Hinweis von thewhitedarkroom folgend habe ich auch mal probiert, mit Wasserstoffperoxid (Blondspray) nachzubehandeln, die Ergebnisse sind allerdings noch uneinheitlich – nur manchmal wird das Blau intensiver, woran das liegt, ist noch zu prüfen.

Wenn alles geklappt hat, kann man sich über eine „Blauweißfotografie“ mit entzückend altmodischer Anmutung freuen. Vielleicht noch ein schlichter Rahmen, und die Cyanotypie ist ein echtes Schmuckstück:

Blaupausen (1)

Einfach und billig sei sie, dafür von geringer Qualität. Das attestiert der Cyanotypie zumindest Wolfgang Autenrieth in seinem empfehlenswerten Referenzhandbuch für Hexenköche, „Alte und neue Techniken der Radierung und Edeldruckverfahren“. Man kann es aber auch so sehen:

Der Charakter einer Cyanotypie harmoniert ganz wunderbar mit den Negativen, die sich etwa mithilfe einer historischen Plattenkamera anfertigen lassen – wie beim Aufmacherbild dieses Artikels –, und damit ist dieses Verfahren genau in meinem Radar …

Was die Qualität betrifft, so hat Autenrieth durchaus Recht: Insbesondere die Halbtonwiedergabe ist mäßig. Hier als Beispiel mein Beitrag zum Pinholeday 2016, zuerst als kaum bearbeiteter Flachbettscan vom 6×9-Negativ

und dann als reproduzierte Cyanotypie auf Büttenpapier:

(Man beachte insbesondere den vollständigen Verlust an Zeichnung im Himmel – hätte ich länger belichtet, um die Wolke zu retten, wären die ohnehin schon dunklen Partien völlig zugelaufen.)

Aber glücklicherweise geht es in der bildmäßigen Fotografie ja nicht immer um die perfekt abgestufte Tonwertwiedergabe … Zum Charme dieses Prozesses gehört, dass sich aus einer Vorlage eine große Bandbreite unterschiedlichster Ergebnisse herauskitzeln lässt. Die folgenden zwei Bilder basieren auf demselben 9×12-Negativ, ich habe sie lediglich unterschiedlich lange (und einmal versehentlich spiegelverkehrt) belichtet:

In jedem Fall dürfte das Cyanotypie-Verfahren die anfängerfreundlichste Einstiegsmöglichkeit in die Welt der fotografischen Edeldruckverfahren sein: Man benötigt nur wenige, zudem ungiftige Chemikalien, kann bei gedämpftem Licht statt in absoluter Dunkelheit arbeiten, belichtet mit Sonne und entwickelt mit Wasser.

Und wie genau das vor sich geht, darum geht es hier in einem der nächsten Beiträge.