Ein Fan von Stativen bin ich praktisch seit Beginn meiner fotografischen Aktivitäten vor rund 35 Jahren. Aber die Ansprüche wandeln sich:

Zum Zeitpunkt meines ersten Web-Artikels zum Thema anno 2001 war ich zwar schon ziemlich gut ausgerüstet. Aber damals habe ich erstens fast nur mit Kleinbild­kameras fotografiert; die waren zwar mal mit Tele oder Balgengerät ausgerüstet, aber weder waren sie so ausladend wie eine Holz-Lochkamera für 6,5×8,5-Zoll-Negative, noch dauerten die Belichtungen typischerweise eine Viertel­stunde oder noch länger. Zweitens war es mir als jungem Hüpfer völlig egal, dass mein Alu-Riesenstativ schon ohne Kopf knapp 5kg auf die Waage bringt, während es mir heute die Arme lang und länger werden lässt. Deshalb im Folgenden der erste Teil eines längeren Textes zum Thema „Stative und Stativköpfe“ unter besonderer Berück­sichtigung der Bedürfnisse der Lochkamera- und Großformat­fotografie weitab des nächsten PKW-Parkplatzes.
Es gilt wie immer: Alle Aussagen basieren auf meiner eigenen ausgiebigen, teils jahrzehnte­langen Nutzung, keine bezahlte Werbung, keine Affiliate Links.

Grundsätzliches vorab: Katalogwerte zur Tragfähigkeit von Stativen und -köpfen sind in unserem Kontext mit Vorsicht zu genießen, siehe auch Vergleichs­szenario weiter unten. Denn eine zwar leichte Holz-Lochkamera, die aber in alle Richtungen ausladend im Wind steht und Belichtungszeiten im Halbstunden-Bereich erfordert, stellt höhere Anforderungen an ihren Unterbau als eine deutlich schwerere DSLR mit Telezoom, die bloß ein paar Sekunden lang oder gar nur eine Dreißigstel stabilisiert werden muss.

Als erstes hochwertiges Stativ (nach einem eher dekorativen Leichtgewicht mit wackligen U-Profil-Beinen) habe ich ca. 1991 besagten 5-Kilo-Boliden gekauft. Das ist ein Manfrotto 075 mit sehr großen Beindurch­messern, Getriebe­mittelsäule, in die Gummifüße versenkten Spikes, Beinen, deren Spreizung einzeln stufenlos arretierbar ist – und einer Arbeitshöhe von mehr als zwei Metern. Letzteres ist nicht so abwegig, wie es klingt, wenn man sich Fotos bspw. in einem Treppenhaus oder an einer Uferböschung vorstellt: Dann ist man dankbar, wenn sich zumindest ein Bein einen halben Meter länger ausziehen lässt als im Flachen nötig. Das 075 ist unfassbar solide gebaut, quasi ein Mehrgene­rationen-Stativ, und alles, was nach Jahrzehnten mal Spiel haben könnte, lässt sich mit Haushalts­mitteln mühelos justieren. Im Keller steht standardmäßig meine Reprokamera drauf, nach auswärts nehme ich es heute aber – siehe oben – nur noch mit, wenn ich weiß, dass die Location mit dem Auto erreichbar ist.

Bodennahes Arbeiten mal anders: Beim 075 ist die Mittelsäule tatsächlich verwendbar, sogar mit schwerem Gerät.

Zur Ergänzung des Großen zum Wandern und Radfahren kam wenig später noch ein zierlicheres Manfrotto 190 dazu, ebenfalls aus Alu und ca. 1,5kg leicht. Das ist an sich auch nicht schlecht, solange eine Arbeits­höhe von knapp 1,2m ohne Stativkopf ausreicht (die Mittelsäule darf man für den Alltag nicht einrechnen, denn die ist in den unteren Gewichtsklassen immer nur eine Notlösung, weil besonders schwingungsanfällig); und dreistufig bis fast 90° spreizbare Beine erlauben extrem niedrige Kamerastandpunkte – schön für Landschaft und Makro. Weil die Beine aber relativ dünn sind, taugt das 190 vor allem für Kleinbild oder für Mittelformat-Sucherkameras – sobald die 6×6-Spiegelreflex mit Tele und Prismen­sucher draufsteht oder eine halbe Stunde belichtet wird, zeigen sich doch gelegentliche Unschärfen im Bild. Dennoch ist es natürlich *viel* besser, als gar kein Stativ dabeizuhaben, und das 190 wird beim Radeln mit leichter Ausrüstung immer noch auf den Gepäckträger geklemmt.

Schön flach halten: In dieser Position ist selbst das filigrane 190 bei langen Belichtungen unerschütterlich. Bei voller Arbeitshöhe sollte die Kamera kleiner sein als hier.

Bei diesen beiden Stativen ist es für mich viele Jahre lang geblieben (historische, noch kleinere Dreibeine für die Kompakt­kameras oder exotische „Untersetzer“ etwa zum Klemmen einmal ausgeblendet); denn ein sinnvolles Mittelding zwischen dem 075 und dem 190 ist, um in Gewicht und Packmaß noch wander­freundlich zu sein, zwingend aus Carbon, und das gilt ja als spröde und leichter zerbrechlich als Alu und war bis vor wenigen Jahren geradezu absurd teuer. Inzwischen sind die Preise etwas humaner geworden, will sagen, man muss nicht mehr zwingend vierstellige Summen für ein Dreibein der Anderthalb-Kilo-Klasse ausgeben … und so ist bei mir 2018 auch ein Stativ aus Kohlefaser dazugekommen. Nach einigem Zögern habe ich mich (in der Hoffnung, dass der Vertrieb über hiesige Fachhändler eine gewisse Qualität garantiert) für ein chinesisches Fabrikat entschieden: ein Sirui R3213X. Mit 600 Euro ohne Kopf ist das zwar immer noch kein billiges Vergnügen, aber nur rund halb so teuer wie ein nominell vergleich­bares Modell aus europäischer Fertigung (etwa ein Gitzo der Systematic-Reihe, das ich ohne Budget-Vorgaben wohl aus prinzipiellen Erwägungen vorgezogen hätte).

Naturgemäß kann ich zu dem Neuen noch keine Langzeit-Erfahrung liefern, aber die ersten Monate deuten darauf hin, dass es für meine mobilen Großformat-Zwecke nahezu ideal sein könnte. Obwohl selbst nicht sehr schwer (kaum mehr als das 190), hält es sperrige Ausrüstung auch bei langen Belich­tungs­zeiten sehr sicher, die Schwingungs­dämpfung scheint enorm gut zu sein. Der modulare Aufbau erlaubt es, die Mittelsäule gegen eine flache Platte zu tauschen – mit letzterer lässt es sich auch bodentief einstellen, und die maximale Arbeitshöhe ohne Mittelsäule und Stativkopf beträgt gut 1,4 Meter, so dass ich effektiv die Mattscheibe auf Augenhöhe bekomme. – Aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit des Materials wickle ich das Stativ zum Transport in mein großes Einstelltuch ein; auch damit und mit großem Kopf (s.u.) passt es noch gut in die mitgelieferte Tasche. Störend ist bloß, dass die Beinlänge des 3213 in sehr unebenem Terrain manchmal knapp wird, aber der nächst­größere Typ wäre auch gleich wieder spürbar schwerer, so dass ich die Einschränkung hier gern in Kauf nehme – größere Menschen als ich würden das möglicherweise anders entscheiden.

Balance-Akt: Diesen sperrigen Aufbau für eine achtminütige Belichtung trug das R3213X trotz ungünstiger Schwerpunktlage problemlos.

Ergänzend noch folgender Hinweis:
Mit der Entscheidung für das Sirui habe ich mich auch deshalb schwer getan, weil der Erwerb eines fabrik­neuen Carbon­stativs aus China in gleich mehrfacher Hinsicht einen ziemlichen Makel in meiner CO2-Bilanz darstellt. Die Vorteile des Materials gepaart mit der Unmöglichkeit, die Qualität eines Gebrauchten zu beurteilen, ließen mich hier eine Ausnahme machen; zumindest bei Alustativen würde ich aus heutiger Sicht immer zuerst auf dem Gebraucht­markt schauen, wie ja auch sonst der größte Teil meiner Foto­ausrüstung „gut abgehangen“ zu mir kam und in der Regel weniger Probleme macht als die paar Neuerwerbungen.

Vergleichsszenario: Holz-Reisekamera, 90mm, Pinhole 0,3mm, Systemgewicht unter 2000g, Belichtung auf Papiernegative 9×12 jeweils rund 32 Minuten, jeweils windstill, bei beiden Stativen blieb der unterste Beinauszug ungenutzt – Details zu den Köpfen im nächsten Teil des Artikels. Jeweils enge Ausschnitte der Originalbilder, es sind Bildschirmfotos in 100%-Darstellung ohne weitere Bearbeitung, nur Umkehren in Photoshop.

a) Manfrotto 190, Alu (nominelle Zuladung 7kg) und Nivellierneiger als Leicht-Kugelkopf (Eigengewicht ca. 400g mit Schnellwechseladapter, Zuladung 10kg):

b) Sirui R3213X, Carbon (nominelle Zuladung 22kg) und großer Kugelkopf (Eigengewicht ca. 1500g, Zuladung 15kg):

Die Unterschiede in der Detail­schärfe sind deutlich: Obwohl auch die leichtere Stativ-Kopf-Kombi nur einen Bruchteil ihrer erlaubten Zuladung zu tragen hatte, liefert die andere Paarung bei dieser langen Belichtung klar bessere Resultate. Mögliche Gründe sind meines Erachtens die unter­schiedlichen Beindurch­messer (oberes Segment 25 vs. 33mm) sowie grund­sätzlich anderes Verhalten der Stativ-Materialien bei der Schwingungs­dämpfung. (Die Köpfe sollten hier nicht viel ausmachen, da ich auch mit dem leichten Nivellierneiger schon deutlich schärfere Langzeit-Aufnahmen als hier gemacht habe, dann allerdings auf dem Carbonstativ.)

Fortsetzung folgt.

Stativ-Notizen, Teil 1: Drei Beine

3 Gedanken zu „Stativ-Notizen, Teil 1: Drei Beine

  • 3. März 2019 bei 5:28
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    spannend, aber eben immer ein balanceakt – wenn du 5-10km durch den sandstein kraxelst noch 2 kg stativ mitschleppen ist grenzwertig. wenn du dagegen gezielt knipsen gehst isses schon in ordnung. ich hab nur eins – ein rollei (die etwas günstigere variante als die die ich im fluss versenkt habe) das macht sein ding für mich ganz gut. aber ich habe ja auch nur eine relativ leichte d5100 😉

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    • 3. März 2019 bei 9:46
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      In den Bergen habe ich bisher auch immer nur Kleinbild oder Digital und kurze Brennweiten dabeigehabt, da reicht mir dann was Kleines, deutlich unter einem Kilo – oder sogar nur das Gorillapod. Allerdings habe ich mir vorgenommen, mich bei meinem nächsten Besuch im Elbsandstein (nein, noch keine konkrete Planung) den kleinen Bächen und skurrilen Felsstrukturen mal mit der Großformatigen zu widmen, und dann bleibt Schlepperei nicht aus … Den Verdacht hab ich ja schon länger, dass es eine blöde Idee ist, mit abnehmender körperlicher Fitness die Ausrüstung immer schwerer werden zu lasssen 🙂

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  • 18. März 2019 bei 9:41
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    5 kg? Da wäre ich nach den ersten paar Kilometern schon platt. Mir geht ja mein Vanguard Alu-Stativ mit ca. 2,5 kg bei großen Wanderungen schon häufig auf den Keks. Dafür bin ich jedoch mit der Standfestigkeit mehr als zufrieden, auch bei meinen wuchtigeren 6x6ern.
    Leichter wäre natürlich wünschenswert, aber solange das Gewicht noch erträglich als die Investition ist, bleibe ich bei meinem. Es sei denn, ich würde mich irgendwann an Großformat probieren.

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