Stativ-Notizen, Teil 2: Ein Kopf – und noch einer, und …

Auch wenn es vermutlich die stabilste Verbindung wäre, wird es nur in den seltensten Fällen ausreichen, die Kamera direkt auf die Stativbasis zu schrauben – zu mühsam wäre die Ausrichtung des Bildausschnitts. Ein Stativkopf muss also her, und wie bei den Beinen stellen die Großformat- und/oder Lochkamera-Fotografie auch an den Kopf erhöhte Anforderungen. Daher hier einige Notizen zu meinen Erfahrungen mit diversen Stativköpfen. (Experten wird auffallen, dass kein Schweizer Fabrikat dabei ist. Diese zwar oft gelobten Modelle habe ich zu keinem Zeitpunkt in Erwägung gezogen, weil sie einfach weit außerhalb meines Budgets liegen.)

Das Bild oben zeigt die drei Köpfe, die bei mir zum Einsatz kommen, sobald die Kamera größer wird als Kleinbild. Der Reihe nach: (mehr …)

Stativ-Notizen, Teil 1: Drei Beine

Ein Fan von Stativen bin ich praktisch seit Beginn meiner fotografischen Aktivitäten vor rund 35 Jahren. Aber die Ansprüche wandeln sich:

Zum Zeitpunkt meines ersten Web-Artikels zum Thema anno 2001 war ich zwar schon ziemlich gut ausgerüstet. Aber damals habe ich erstens fast nur mit Kleinbild­kameras fotografiert; die waren zwar mal mit Tele oder Balgengerät ausgerüstet, aber weder waren sie so ausladend wie eine Holz-Lochkamera für 6,5×8,5-Zoll-Negative, noch dauerten die Belichtungen typischerweise eine Viertel­stunde oder noch länger. Zweitens war es mir als jungem Hüpfer völlig egal, dass mein Alu-Riesenstativ schon ohne Kopf knapp 5kg auf die Waage bringt, während es mir heute die Arme lang und länger werden lässt. Deshalb im Folgenden der erste Teil eines längeren Textes zum Thema „Stative und Stativköpfe“ unter besonderer Berück­sichtigung der Bedürfnisse der Lochkamera- und Großformat­fotografie weitab des nächsten PKW-Parkplatzes.
Es gilt wie immer: Alle Aussagen basieren auf meiner eigenen ausgiebigen, teils jahrzehnte­langen Nutzung, keine bezahlte Werbung, keine Affiliate Links.

Grundsätzliches vorab: Katalogwerte zur Tragfähigkeit von Stativen und -köpfen sind in unserem Kontext mit Vorsicht zu genießen, siehe auch Vergleichs­szenario weiter unten. Denn eine zwar leichte Holz-Lochkamera, die aber in alle Richtungen ausladend im Wind steht und Belichtungszeiten im Halbstunden-Bereich erfordert, stellt höhere Anforderungen an ihren Unterbau als eine deutlich schwerere DSLR mit Telezoom, die bloß ein paar Sekunden lang oder gar nur eine Dreißigstel stabilisiert werden muss. (mehr …)

Timer denkt mit

In letzter Zeit bekomme ich bei der Filmentwicklung vernünftige Ergebnisse mit Semi-Stand, fünf bis sechs Intervalle à 15 Minuten. Und damit ich mir nicht selbst merken muss, in welchem Durchgang ich grade bin, hab ich mir dies ausgedacht:

Die digitale Zeitschaltuhr, von der ich in Werkstatt und Dunkelkammer mehrere in Betrieb habe, erlaubt das Einstellen von Minuten und Sekunden getrennt. Ich lasse also den Timer zuerst über 15 Minuten 1 Sekunde laufen und nach dem ersten Alarm stelle ich eine Sekunde höher; das wiederhole ich nach jedem Standintervall, bis die erforderliche Zahl erreicht ist: Dann beginnt der letzte Durchgang. Muss man sich nur ein Mal einprägen, aber dann ist es selbstverständlich, zwischen Stop und Start jeweils auf Sec zu drücken … Und ich kann in den Standzeiten guten Gewissens an ganz was anderes denken.

Vier Fehler in 48 Stunden

Dies ist ja ein service­orientiertes Blog, will sagen: Ich mache möglichst jeden Fehler mal und schreibe dann drüber, damit ihr ihn nicht mehr machen müsst. Und mit Großformatkameras kann man ja besonders viel falsch machen … Neulich war ich an zwei aufeinander folgenden Tagen mit der Großen unterwegs und habe gleich mehrere Böcke geschossen. Nämlich diese:

1. Vergessen, dass die Mattscheibe zwar 4×5 inch (10×12,5 cm) zeigt, aber die Kassette nur 9×12 cm groß ist, was in viel zu engem Ausschnitt resultiert.

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Nahlinse statt Objektiv

Ein neues Experiment zur Bilderzeugung mit ungewöhnlichen Mitteln: Nahlinsen, die man zur Verringerung des Aufnahmeabstands wie Filter vor ein Objektiv schraubt, sind im Prinzip auch Objektive, wenn auch nur solche mit einer bis zwei Linsen (und entsprechenden Abbildungsfehlern). Somit haben sie auch eine definierte Brennweite, nämlich 1000 / Dioptrienwert.

Eine Nahlinse +3 hat demnach 333mm Brennweite; mit 33,3 cm Balgenauszug fokussiert sie also auf Unendlich, mit mehr Auszug entsprechend näher. Und wenn man zwischen Linse und Film abdichtet und ein Loch definierten Durchmessers ausspart (etwa mit einer Objektivplatine), hat man eine exakt berechenbare Blende, bei 15mm beispielsweise f/22 (333 / 15), und kann damit prima fotografieren.

Beweis gefällig?

Dieses Bild habe ich mit dem abgebildeten „Objektiv“ und der 4×5-Inch-Kamera aufgenommen, bei Mittagslicht auf Duplizierfilm niedriger Empfindlichkeit mit etwa vier Sekunden Belichtungszeit:

Ein Detail aus dem Scan, 2000x2000px:

Man sieht deutlich gewisse Weichzeichner-Effekte, insbesondere an den hellen Kanten, die Schärfe ist nicht atemberaubend, aber die Kontraste sind durchaus brauchbar.

Hier zum Vergleich dasselbe Setting mit einem echten 300-mm-Objektiv, einem Apo-Ronar, ebenfalls bei f/22:

Und wieder ein 2000×2000-Ausschnitt:

Klar, das Große zeichnet insgesamt schärfer, detailreicher, liefert weniger Fehler; aber die Nahlinse hat auch ihren Charme. Wenn man mal mit kleiner Großformat-Ausrüstung unterwegs ist, hat man mit minimal Extragewicht und Platzbedarf noch ein Notfall-Objektiv mit engerem Bildwinkel an Bord …

Besser als ein Objektiv-Adapter

Wenn sehr kleine Objekte zu fotografieren sind, verwende ich dazu gern ein Vergrößerungs­objektiv am Balgen­gerät. Nun hat mein Balgen einen Nikon-Anschluss, während Dunkelkammer-Optiken traditionell ein M39-Gewinde haben. Das könnte man zwar mit einem Adapter über­brücken, aber es geht noch besser:

Und zwar mit Fotoknete, die schon seit Jahren zu meinen wichtigsten Foto­utensilien gehört. Was daran besser ist als an einem Adapter? Ganz einfach – man ist nicht drauf fest­gelegt, das Objektiv exakt parallel zur optischen Achse zu montieren, sondern kann es ein paar Grad ver­schwenken (so genannter Tilt):

Damit lässt sich die Lage der Schärfe­ebene hervor­ragend so modifizieren, dass ein größerer Bereich des Motivs in die Schärfe kommt, was bei extremen Makros mit winziger Schärfen­tiefe sehr wichtig sein kann. Siehe diese beiden Beispiel­fotos – die Perspektive ist nicht exakt identisch, aber der Effekt ist einiger­maßen repräsentativ:

Dieses chinesische Schrift­zeichen als Monotype-Letter ist etwa 3mm groß, ich habe beide Bilder bei Blende 8 in leicht schräger Aufsicht fotografiert. Beim ersten saß das Objektiv „ordnungs­gemäß“ auf dem Balgen, beim zweiten war die Objektiv­ebene ein wenig in Richtung der Motivebene verschwenkt.

Im Idealfall treffen sich gedachte Bild-, Objektiv- und Motivebene in einem Punkt, siehe Wikipedia. In der Praxis wird man das, zumal bei so winzigen Motiven, nicht exakt steuern können, aber da ich hier mit einer Digital­kamera fotografiert habe, konnte ich den Effekt direkt am Monitor überprüfen.

(Gestalterisch finde ich die geringe Schärfen­tiefe übrigens attrak­tiver; aber hier ging es um dokumen­tarische Zwecke, dahinter hat die Schönheit zurückzustehen.)

Graufilter bei Verschlussproblemen

Wenn man mit Jahrzehnte alten Kameras fotografiert, wird man früher oder später mit Unregel­mäßigkeiten in der Verschlusszeit-Steuerung konfrontiert werden – ob Zentral- oder Schlitz­verschluss, die Genauigkeit der einge­stellten Zeiten lässt dann zu wünschen übrig. Und selbst mit Schwarz­weißfilm ist es nicht egal, ob eine Dreißigstel Sekunde in Wirklichkeit eine Achtel ist oder (schlimmer) umgekehrt.

Solche Sachen lassen sich zwar in der Regel reparieren, aber wenn man es nicht selbst kann (und ich schaue mir solche Sachen zwar in der Regel von innen an, aber Verschlüsse überfordern mich meist), dann wird es schnell sehr teuer. Und für die wenigsten histo­rischen Knips­maschinen sind mehrere hundert Euro Reparatur­kosten gerecht­fertigt, leider.

Aber solange sich der Verschluss noch in der B-Stellung öffnen lässt, kann man die Kamera noch sinnvoll verwenden. Und zwar bei jedem Licht – mit starken Graufiltern (auch ND-Filter für Neutraldichte genannt). Interessant sind solche ab logarithmischer Dichte 2,0, das entspricht einer nötigen Belichtungs­zeit­verlängerung um Faktor 100: Wo ohne Filter 1/30 fällig wäre, müssen es dann 3 Sekunden sein (bzw. 6 bis 8 oder noch mehr, je nach Film, unter Berück­sichtigung des Schwarzschild-Effekts).

Auf dem extrem hakeligen Tuchverschluss meiner alten Reisekamera montiertes ND2,7-Filter, Belichtungs­zeit­verlängerung x400
Unterwegs finde ich es hilfreich, einen Spickzettel für die Umrechnung dabeizuhaben

Auf dem zweiten Bild sieht man auch meine Notizen zum Schwarzschild-Effekt (gültig für meinen Standardfilm Fomapan 100). Die Tabelle sieht auf den ersten Blick merkwürdig aus:
rechnerisch 1 Sekunde -> Belichtung zwei Sekunden oder 1 Blende öffnen
rechnerisch 10 Sekunden -> Belichtung 50 Sekunden oder 2 Blenden öffnen
rechnerisch 100 Sekunden -> Belichtung 1200 Sekunden oder 3 Blenden öffnen
Die Diskrepanz (drei Blenden öffnen entspricht Faktor 8, nicht 12) ergibt sich daraus, dass bei weiterer Verlän­gerung der Belich­tungszeit der Schwarzschild-Effekt noch stärker wird, das ist also eine Art Zinseszins-Kompensation.

Übrigens gibt es, wenn man nur mit Schwarz­weißfilm arbeitet und es um eher große Objektive geht, noch eine sehr preis­günstige Alternative zum ND-Filter: Schutzglas für Schweißer­brillen! Das wird in unter­schied­lichen DIN-Klassen angeboten, ich habe eins in DIN13, was sich in *ungefähr* 13 Blenden oder Verlängerungs­faktor 10.000 übersetzt (eher noch etwas mehr). Darauf habe ich einen Filter­adapterring mit 82mm Außengewinde geklebt, um das Glas direkt auf dem Weitwinkel der Großformat­kamera benutzen zu können.

Hier erkennt man, warum sich Schweißglas nur für SW-Film eignet – der Farbstich ist brutal. Aber 30 Sekunden Belichtungszeit bei Blende 2,0 am hellichten Tag sind für entsprechende Motive natürlich charmant; nur der Wind darf nicht so stark sein wie hier

Aus all dem wird klar: Schnappschüsse klappen so nicht mehr. Aber mit Stativ und Drahtauslöser (oder notfalls Pappe davor – Pappe weg) kann man so auch mit der klapprigsten Kamera immer noch fotografieren. Und Bewegungs­unschärfe in Laub, Wasser oder bei Passanten im Bild gibt so einem Foto immer noch etwas Patina extra – schließlich brauchten Urgroßvaters Glasplatten auch solche Belichtungs­zeiten …

Zwei Ideen zum Fachkamera-Tuning

Wer zum Fotografieren in die Natur geht und dabei Planfilme belichten will, der verwendet normalerweise eine Laufbodenkamera wegen ihres günstigen Packmaßes. Mein „richtiges“ Großformat-System (neben der antiken hölzernen Schönheit) ist allerdings aus diversen Gründen eine optische Bank; und weil ich die nicht immer komplett zerlegen möchte, um sie in einen Rucksack packen zu können, habe ich mir was ausgedacht:

Das Problem der Cambo SC ist, dass sie selbst bei Montage auf dem kurzen Grundrohr in allen drei Dimensionen mindestens 30 cm misst und einen entsprechend großen Koffer braucht. Da solche Grundrohre aber zu teuer sind, um sie zu zersägen, habe ich mal nachgemessen: Der quadratische Querschnitt hat eine Seitenlänge von exakt einem Zoll, also 25,4 mm. Nun bekommt man in D bei jedem einschlägigen Metallbetrieb Vierkant-Aluminium 25×25 mm im Zuschnitt für kleine einstellige Eurobeträge; davon habe ich mir zwei Stücke in 16 cm Länge zuschneiden lassen und noch Endstopfen mitbestellt.

Zum Einpacken der Kamera schiebe ich beide Standarten nacheinander vom Grundrohr herunter und aufs neue drauf, der Balgen muss dabei nicht demontiert werden; den Bankhalter setze ich 90° versetzt auf, dann lässt sich alles noch näher zusammenschieben:

Jetzt ist das Ganze, flach hingelegt, selbst mit angesetztem 90er Weitwinkel nur noch knapp 20 cm hoch und passt in den Fotorucksack, ein paar Kassetten und der Belichtungsmesser noch daneben. Wenn man nicht in den Makrobereich will, reicht fürs 90er das Transport-Rohr sogar für den Auszug, man muss das größere Rohr dann gar nicht mitnehmen. (Die Standarten sitzen auch auf dem neuen Alurohr ziemlich straff, man muss nur ein bisschen beim Fokussieren aufpassen, weil ja die Sperrknöpfe am Ende fehlen.) Und schon hat der Terminus Mit kleiner Ausrüstung unterwegs sein ganz neue Bedeutung …

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Das andere Ende des Spektrums ist erreicht, wenn man mit sehr langen Brennweiten und/oder im extremen Nahbereich arbeiten möchte; dann ist auch das 54er Grundrohr nicht lang genug. Aber beim Metallbauer gibt es ja auch 30x30er Vierkantrohre mit 2 mm Wandstärke, da passt ein zölliges Grundrohr prima rein – man erkennt die Idee schon:

Hier habe ich auf gegenüberliegenden Seiten (um nicht zwei Stresspunkte direkt nebeneinander im Material zu haben) leicht versetzt je ein Loch für den Sperrknopf gebohrt und habe jetzt einen hinreichend soliden Verbinder.

Dann muss man nur noch eine 9×12-Konfiguration ohne Mattscheibenrückteil

mit einem 13×18-Aufbau ohne Objektivplatine kombinieren (nicht vergessen, je ein Stativ unter jede Hälfte zu packen …),

und schon hat man eine Kamera, neben der all die Superteles hinterm Fußballtor ziemlich mickrig aussehen:

Wenn man beispielsweise bei diesem Setup ein 600mm-Reproobjektiv montiert,

kommt man mit balgenschonendem Gesamtauszug von „nur“ 90 cm auf einen Abbildungsmaßstab von 1:2 bei einer Gegenstandsweite (lichter Abstand vom Motiv zum Objektiv, vereinfacht gesagt) von 1,8 Metern. Theoretisch traumhafte Werte für die Libellenfotografie – gäbe es da nicht beim Arbeiten mit der Fachkamera das eine oder andere Tempo-Handicap …