Reale Relativität

Wer daran zweifelt, dass Zeit dehnbar ist, der sollte einmal einen Schwarz­weißfilm in der Schale entwickeln …

Normaler­weise habe ich ja meinen Standard­prozess für die Film­entwicklung, aber für die größeren Planfilme ab 5×7 Zoll war ich damit noch nicht recht glücklich. Denn anders als für 4×5 Zoll habe ich hier keine geeig­nete Spule und bin daher im Tages­lichttank auf die sog. Taco-Entwicklung angewiesen. (Die geht so: Planfilm aufrollen, Gummiring drum, rin in die große Dose, vier Stück passen neben­einander rein.) Weil aber auch Stand- und Semistand­entwicklung nicht ohne einiges Kippen auskommen, löst sich gelegentlich mal eine Taco-Rolle, und das Ergebnis sind üble Kratzer bis hin zur Unbenutzbarkeit. Da ich gerade zwei Dutzend 5x7er zu entwickeln hatte, habe ich jetzt was anderes probiert: Einzelblatt-Entwicklung* in der Schale.

Weil nun aber Schwarzweiß­filme (zumindest die panchro­matischen, also alle „normalen“) anders als Fotopapier übers ganze Spektrum empfindlich sind, muss der gesamte Prozess vom Entnehmen aus der Kassette bis mindestens zum Fixierbad in absoluter Dunkel­heit stattfinden.

Man platziert also alles, was man braucht, griff­bereit, klemmt sich einen Timer, dessen Funktionen man blind steuern kann, an die Schürze, befüllt die Schalen vom Vorwässern bis zum Fixierer (der Entwickler sollte für diesen Zweck natürlich kein One-Shot wie Rodinal sein – ich habe hier einen etwas stärker verdünnten Papierentwickler verwendet), legt die (vorne möglichst weichen) Zangen an immer dieselbe Stelle der Wannen und lernt auswendig, wie viele Schritte in welche Richtung es vom Arbeitstisch bis zum Wasserhahn sind, denn es wird nicht ausbleiben, dass öfters mal gründliches Hände­waschen angezeigt ist … Dann Licht aus und Nerven bewahren!

Auf diese Weise habe ich heute in einem Rutsch ein Dutzend Planfilme ohne nennens­werte Panne entwickelt (aber: siehe unten) – dafür war ich andert­halb Stunden lang im absoluten Dunkel, es hat sich allerdings angefühlt wie ein halber Tag. Dieselbe Zeitspanne auf die Internet-Recherche nach geeigneten Planfilm-Entwicklungs­methoden verwendet verstreicht gefühlter­maßen vier oder fünf Mal so schnell …

Aufnahmen mit der Holzkamera am Brodtener Ufer, in der Schale entwickelt. Keine Ahnung, woher dieser helle Schleier kommt …

Nachtrag, als auch das zweite Dutzend Filme entwickelt ist: Auch die Schale hat ihre Tücken. Ich habe insgesamt weniger Kratzer als mit der Taco-Methode, aber dafür vereinzelt schlierige Unregel­mäßigkeiten bei der Entwicklung. Nach ersten Recherchen tippe ich auf unzurei­chende Bewegung, obwohl ich genau darauf schon sorgfältig geachtet hatte. Nächstes Mal also beherzt Überschwappen riskieren – oder doch wieder wickeln zum Entwickeln …?

In dieser Form wohl kaum brauchbar – am ehesten noch für eine Cyanotypie auf raues Papier, aber sicher nicht für eine direkte Vergrößerung.

* man liest auch manchmal Anleitungen, in denen mehrere Blatt Film auf einmal in die Entwicklerschale kommen. Aber das ist mir unsympathisch – erstens kann man sich dann mit den Entwicklungszeiten leichter vertüdeln und zweitens steigt wieder das Kratzerrisiko.

Mehr Bilder aus dieser Aufnahmereihe gibt es hier.

Learning By Failure

Stimmt einerseits: Nur durch Fehler wird man klug. Andererseits ist es wirklich ein relativ bescheuerter Fehler, wenn man in einem Vier-Buchstaben-Wort noch einen Zeichendreher unterbringt:


Noch ärgerlicher, weil aufwendiger zu korrigieren, war es allerdings, als ich es neulich erst nach der zweiten Zeile merkte, dass ich ganz in Gedanken sknil hcan sthcer nov gesetzt hatte (leider oder zum Glück nicht im Bild dokumentiert).

Einen sehr klassischen Lapsus habe ich mir heute geleistet, als ich für einen Zweifarbdruck den Durchschuss für den zweiten Block nachmessen wollte, tatsächlich aber den Grundlinien-Abstand ausgemessen habe. Eigentlich sollte dies hier nämlich

nur noch der Korrekturabzug für die Bestimmung des horizontalen Standes des zweiten, kleineren Textes sein, aber da waren dann nochmals je 28p Abstand rauszunehmen … Der gute Mr. Beckett hatte da wohl recht – try again, fail again, fail better. Trifft auch und vor allem auf Leute zu, die diesen Spruch dekorativ setzen wollen 🙂

Das Ergebnis ist aber letztlich ganz schön geworden. Find ich:

Bücher machen.

Die Idee, Bücher zu machen, habe ich schon lange: zehn Jahre, eher mehr. Natürlich habe ich in dieser Zeit auch schon Bücher gestaltet – für mich selbst, später auch für Kunden –, aber produziert habe ich nicht selbst, sondern das blieb stets Print-on-Demand-Dienstleistern überlassen. Blurb, Epubli, Frick, BoD, Saal – ausprobiert habe ich viele und vieles, und allmählich habe ich zumindest eine Ahnung davon, zu wem ich jeweils gehen muss, um abhängig von Qualitätsanspruch und Budget ein bestimmtes Resultat zu erzielen.

Aber in den Grenzbereichen ist die Erkenntnis immer dieselbe: Wenn ich keine Kompromisse eingehen möchte – wenn alles genau so aussehen soll, wie ich es mir vorstelle –, dann muss ich meine Bücher selbst machen.

Das war jahrelang außer Reichweite, aber mit der Entscheidung für die berufliche Selbstständigkeit haben sich ein paar Rahmenbedingungen geändert und Prioritäten verschoben. In einem Ein-Mann-Unternehmen ist es anders als in einem Großverlag nämlich unabdingbar, dass sich alle Mitarbeiter möglichst umfassend mit der Herstellungskette des eigenen Produkts auskennen 🙂 Dazu gehört in meinem Fall das Wissen um alle für mich relevanten Druck- und Verarbeitungstechniken; und indem ich mir dieses Wissen Schritt für Schritt aneigne, eröffnen sich immer mehr Perspektiven, neue Ideen und auch die Möglichkeiten, sie zu realisieren.

Worauf das Ganze letztlich hinauslaufen wird, ist dabei noch unklar. Wenig deutet darauf hin, dass handwerkliche Buchproduktion eine lukrative Geschäftsidee sein könnte; zunächst einmal geht es mir nur darum, mein allzu digitallastiges Portfolio in eine sympathischere Richtung zu erweitern. Alles Weitere ergibt sich …